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Handbiken: Die Kunst der gut geplanten Infrastruktur

Handbiken: Die Kunst der gut geplanten Infrastruktur

Marianne Unte auf ihrem Handbike

Marianne Unte, Mitglied bei Menschen in Hanau, informierte Studierende der Hochschule Karlsruhe über das Handbiken.

Die Hochschule Karlsruhe hat neben sechs weiteren Hochschulen in Deutschland eine Stiftungsprofessur „Radverkehr“ inne. Im Mittelpunkt dieser Professur stehen die Interessen von Radfahrenden, die in einem nachhaltigen Mobilitätsmix berücksichtigt werden sollen.

Bei dem Thema „Radverkehr“ spielt auch das Handbiken eine Rolle. Studierende der Hochschule Karlsruhe nahmen über Menschen in Hanau Kontakt mit Marianne auf, um mehr über das Handbiken zu erfahren. Marianne kam der Bitte der Studierenden gerne nach und gab ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Rahmen einer Online-Lehrveranstaltung weiter.

Das Fahrrad spielte schon in der Kindheit eine große Rolle

Zunächst gab Marianne den Studierenden einen Einblick in ihr Leben. Sie erzählte z.B., dass sie seit frühester Kindheit schwer gehbehindert ist und schon als Kind das Fahrrad und einen Roller nutzte, um ihren Bewegungsdrang auszuleben. Das Fahrrad blieb auch später ihr liebstes Fortbewegungsmittel in der Freizeit. Erst seit 1990 besitzt Marianne einen Rollstuhl für die Bewältigung längerer Strecken.

Seit vielen Jahrzehnten ist Marianne Mitglied beim Rollstuhlsport-Club Main-Kinzig e.V. Dort kam sie in Berührung mit dem Behindertensport und entdeckte darüber in den 90er Jahren auch die Freude am Handbikefahren.

Marianne ist auch Mitglied im Behindertenrat des Main-Kinzig-Kreises mit dem Bearbeitungsschwerpunkt „Barrierefreiheit öffentlich zugänglicher Gebäude und des öffentlichen Verkehrs- und Freiraums“.

Ausführlich berichtete Marianne von ihrem Engagement bei Menschen in Hanau. Hier ist es ihr ein wichtiges Anliegen, Barrieren sichtbar zu machen und abzubauen, z.B. durch die Mitarbeit im Checker-Team.

Im Folgenden fassen wir Mariannes Antworten auf verschiedene Fragen der Studierenden zusammen.

Was ist eigentlich ein Handbike und wie funktioniert es?

Marianne: „Ein Handbike ist eine Verbindung eines vorgekoppelten Radteils mit einem handbetriebenen Rollstuhl. Das Handbike wird von mobilitätseingeschränkten Menschen genutzt und ist dem Fahrrad gleichzusetzen. Aus eigener Erfahrung kann ich hier nur von einem ganz normalen Handbike sprechen, einem sogenannten Adaptivbike ohne E-Unterstützung.
Das Adaptivbike kann an jeden handelsüblichen Adaptivrollstuhl / Aktivrollstuhl angekoppelt werden. Nach dem Ankoppeln wird der Rollstuhl durch eine Vorrichtung am Antriebsteil, dem Adaptivbike, ein wenig nach hinten gekippt. Danach hängen die vorderen zwei kleinen Räder, die Lenkrollen des Rollstuhls, in der Luft und ein Dreirad aus den Greifrädern und dem Antriebsrad des Bikes ist entstanden. Die ganze Angelegenheit wird dann mit den Armen über eine Handkurbel mit Schaltung angetrieben.“

Handbike aus der Sicht der Fahrerin

Mariannes Blickwinkel beim Handbiken auf einem Waldweg

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen einem Handbike und einem Fahrrad?

Marianne: „Vor allem im Bereich der Räder und der Antriebs-/Schalt- und Bremskomponenten ist das Handbike mit dem Fahrrad verwandt. Die offensichtlichste Differenz liegt darin, dass ein Handbike ein Mehrspurgefährt, ein Dreirad, ist. Dadurch liegt das Handbike u.a. anders in der Kurve und es wirken andere Kräfte auf die Räder.“

Ist das Handbiken weniger anstrengend als das Rollstuhlfahren?

Marianne: „Das Fahren mit dem Handbike ist gesünder als mit dem Rollstuhl, da die Schultern beim Handbikefahren weniger Belastungen ausgesetzt sind als beim Rollstuhlfahren. Daher hat das Handbike auch bei Alltagsbenutzern und nicht nur bei Sportlern eine breite Akzeptanz gefunden. Mit dem Handbike sind deutlich größere Distanzen als mit dem Rollstuhl möglich und dank Untersetzungen können Steigungen bequemer gemeistert werden.“

Welche Steigungen können mit dem Handbike bewältigt werden?

Marianne: „Auf kurzen Strecken sind ca. 6% Steigung zu bewältigen. 2% durchgehende Steigung ist mit einem Handbike auf längeren Strecken machbar. Aber zu Fahrradwegen umfunktionierte Bahnstrecken, also Bahnradwege, können schon schwierig sein. Man bewegt sich ja mit Armkraft und nicht mit Beinkraft. Man behilft sich bei Steigungen kurzfristig dadurch, dass man nicht mehr kurbelt, sondern in die Greifreifen des Rollstuhls fasst und sich so langsam weiterbewegt oder im Zickzack hinauf oder hinunter fährt.“

Wie ist das mit Schotterwegen?

Marianne: „Das Ausweichen von Unebenheiten und Hindernissen ist sehr viel schwieriger Und bei sandigen Stellen hat man kaum eine Chance.“

Handbiken im Straßenverkehr – ist das eine Herausforderung?

Marianne: „Wenn man im Straßenverkehr vor plötzlich auftretenden unüberwindbaren Hindernissen steht, kann das schon schwierig sein. Hier kann man selbst zum Hindernis werden, wenn auch nicht auf Fußwegen, aber auf Fahrradwegen und Straßenquerungen, weil die Örtlichkeit für den Wendekreis des Handbikes zu schmal ist. Das gilt auch für Tandems und Dreiräder. Mit dem Handbike muss man da viel hin- und herrangieren um umzudrehen.“

Sind die Grünphasen an Ampeln denn lange genug für Handbiker*innen?

Marianne: „Man braucht bei Querungen mit Ampeln oftmals einen kleinen Augenblick länger bis zum Start, weil das Ankurbeln erstmal langsam vonstattengeht. Eine kurze Grünphase kann dann schon vorbei sein.“

Auf einem Schild am Emsradweg ist ein magentafarbener Handbiker zu sehen, darunter ein grüner Pfeil, der die Richtung angibt.

Verkehrsschild mit Handbiker-Symbol

Und was sind typische Hindernisse für Handbiker*innen?

Marianne: „Das sind z.B. Umlaufsperren. Durch die entstandene Verengung ist eine barrierefreie Nutzung des Weges oftmals nicht gewährleistet. Auch andere verschiedene Nutzergruppen werden behindert oder ausgeschlossen. Das kann auch durch engstehende Poller der Fall sein. Auch fehlende Absenkungen können ein Problem sein. 6 cm Bordsteine kann man oder ich durch Kippen des Rollstuhls schon überwinden, mit dem Handbike ist das aber ohne Hilfe anderer schon schwierig.”

Gibt es für Handbiker*innen eine höhere Unfallgefahr im Straßenverkehr?

Marianne: „Man ist durch das Sitzen im Rollstuhl in einer sehr viel niedrigeren Position als ein Fußgänger oder Fahrradfahrer. Aus der Position des Fahrers eines Lieferwagens oder Lkw wird man schon leicht übersehen, weil das Blickfeld zum Überprüfen des Straßenverkehrs über die Position des Handbikefahrers hinweggeht.“

Mit dem Handbike in Bus und Bahn – ist das möglich?

Marianne: „Für den Handbikefahrer oder den Nutzer eines anderen für Mobilitätseingeschränkte zur Verfügung stehenden Fahrzeuges ist das Einsteigen in einen Bus oder das Fahrrad-/Rollstuhlabteil eines Nahverkehrszuges in den meisten Fällen nicht realisierbar. Und dann gibt es noch Treppen sowie fehlende oder nicht funktionierende Aufzüge.“

Zum Abschluss ihres Vortrags formulierte Marianne die Bitte an die Studierenden, die geltenden Regelungen für den barrierefreien öffentlichen Straßen- und Verkehrsraum in ihrer zukünftigen Tätigkeit umzusetzen – damit die Kunst der gut geplanten Infrastruktur verwirklicht wird.

Ein Hinweis zum Schluss:
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde bei Mariannes Antworten auf das Gendern verzichtet – natürlich sind aber alle Geschlechter gemeint.

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