post-title Vom Zufall zur Patenschaft: Oumar und Achim

Vom Zufall zur Patenschaft: Oumar und Achim

Vom Zufall zur Patenschaft: Oumar und Achim

Vom Zufall zur Patenschaft: Oumar und Achim

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sah im Zufall nicht nur ein zufälliges Ereignis, das einfach so passiert. So wie ein großer Lottogewinn. Wenn mir der Zufall begegnet, muss ich auch dafür offen sein. Ich muss den Zufall erkennen. Der Zufall ist eine Chance, die ich annehmen muss. So war es auch bei Oumar und mir. Ich lernte Oumar im Hanauer Stadtteilzentrum Süd-Ost kennen, weil ich dort einen Kurs zur politischen Grundbildung für Migranten hielt. Das war im Oktober 2025. Oumar war immer da, er war an allen Themen immer besonders interessiert. Der Zufall wollte es, dass wir am letzten Kursabend allein waren, alle anderen Teilnehmer*innen hatten etwas anderes vor. Wir beide hätten auch nach Hause gehen können. Aber wir haben unseren Zufall angenommen, wir waren offen füreinander. Und wir sprachen zwei Stunden lang miteinander. Daraus entwickelte sich unsere Chancenpatenschaft bei Menschen in Hanau.

Der Weg nach Deutschland

Ich habe in den folgenden Wochen viel erfahren und einiges gelernt. Oumar kommt aus Guinea in Westafrika, genauer aus Koule. Er musste mehrere tausend Kilometer zurücklegen, bis er nach Italien kam, er war damals erst 16 Jahre alt. Durch Länder wie Mali, in dem in manchen Gegenden ein Bürgerkrieg tobt, Algerien, Tunesien.

Wir haben nur vage Vorstellungen davon, welche Gefahren auf einem so langen Weg lauern. Er setzte mit einem Boot nach Italien über. Was das bedeutet und welche Erfahrungen Oumar gemacht hat, kann man vielleicht erahnen. Jedenfalls kam er nach Deutschland und dann nach Hanau. Inzwischen ist Oumar zwanzig Jahre alt.

Beratung und Sprachkurs – wichtige Schritte

Nach unserem Gespräch trafen wir uns regelmäßig, meist im Kulturforum oder im Café. Zuerst ging es um seinen Aufenthaltsstatus, es gab Probleme mit dem Anwalt. Wir gingen also zur Flüchtlingsberatung der Diakonischen Flüchtlingshilfe in der Metzgerstraße. Die Leute, die dort arbeiten, sind unglaublich kompetent in Rechtsfragen, die Migranten betreffen. Marion vermittelte Oumar einen neuen Anwalt. Sein Aufenthaltsstatus ist jetzt „Duldung“, was leider keine große Rechtssicherheit bedeutet. Guinea, sein Heimatland, ist zwar politisch extrem instabil, aber für die Genehmigung eines Asylverfahrens scheint das nicht auszureichen.

Oumar will aber unbedingt in Deutschland bleiben und eine Ausbildung machen. Voraussetzung ist allerdings ein Sprachkurs auf B1-Niveau. Oumar hat bereits A1 absolviert. Wir gingen ins Kulturforum zur Beratung der Volkshochschule für Sprachkurse. Ohne Probleme konnte er sich sofort für einen A2-Kurs anmelden. Das läuft gut und Oumar ist sehr zufrieden.

Erfolgreiches Praktikum als Fliesenleger

Dann zeigte mir Oumar irgendwann ein Video auf seinem Handy. Oumar mit Basecap, Spachtel in der Hand, Arbeitsklamotten. Oumar, der Fliesen legt, Fliesen verfugt, Fliesen schneidet. Wie ein Profi. Sein Bruder hat in Guinea einen Betrieb, dort hat er ein Jahr gearbeitet. Daher stammt das Video. Er will in Deutschland unbedingt eine Ausbildung als Fliesenleger machen. Also: erster Schritt, ein Praktikum als Fliesenleger machen. Wir besuchten eine Sozialarbeiterin an meiner Schule, die für die Vermittlung von Praktika und Arbeitsstellen für die Schüler zuständig ist. Sie war unheimlich hilfsbereit und hat schon beim ersten Treffen eine Praktikumsstelle als Fliesenleger für Oumar gefunden. Oumar und ich fuhren dann nach Maintal ins Büro der Firma, ein Familienbetrieb. „Alles kein Problem, alles easy, pünktlich musst du sein“, so der noch junge Chef. Oumar machte also ein vierwöchiges Praktikum, schrieb einen Praktikumsbericht und bekam ein sehr gutes Praktikumszeugnis. Darauf kann er stolz sein. Das könnte später beim Einstieg in eine Ausbildung sehr hilfreich sein. Es war auch eine wichtige Erfahrung, die ihm einen kleinen Einblick in die deutsche Arbeitswelt verschaffte.

Oumar möchte neben seinem Sprachkurs noch arbeiten. Wir werden demnächst zusammen eine Arbeitsstelle suchen. Vielleicht hilft uns da meine Kollegin aus der Schule wieder. Allerdings müssen wir das vom Ausländeramt genehmigen lassen. Mit dem Status der „Duldung“ darf Oumar nicht ohne Weiteres eine Arbeitsstelle annehmen, für Asylbewerber ist das leichter.

Gemeinsame Freizeit-Events

Unser erster gemeinsamer Freizeitevent war ein Bingo-Abend im Kulturforum. Organisiert von Menschen in Hanau. Große Nachfrage, viel Trubel. Meine Frau und ich saßen mit Oumars Freunden an einem Tisch. Aber – Pech gehabt. Der Zufall war uns nicht gewogen. Die Zahlen führten bei keinem von uns zum Bingo. Aber – es war ein schöner Abend, wir hatten Spaß und haben uns ein bisschen besser kennengelernt.

Gemeinsam haben wir auch das HDV-Fest „Fest der Freundschaft“ besucht, Oumar hat noch einen Freund mitgebracht. Ich habe ihnen erklärt, was es mit dem „Haus für Demokratie und Vielfalt“ auf sich hat. Wir haben uns dann auch in der Krämerstraße die Gedenktafeln zum Anschlag vom 19.02.2020 angesehen. Auch das kann in Deutschland geschehen. Sie waren darüber schockiert. Zusammen sind wir dann über das Fest getourt, haben uns die vielen Stände angesehen und die spanische Musik auf der Bühne genossen. Flamenco kannten sie nicht, fanden es aber sehr inspirierend und rhythmisch.

Ende Mai werden wir zusammen das Afrika-Fest im Ajoki besuchen, Oumar will Freunde mitbringen.  

Text von Joachim Volke

Willst Du selbst Teil einer Patenschaft werden? Wir freuen uns über weitere Chancenpatenschaften!
Erste Infos gibt es hier: Gemeinsam mehr erreichen
Und hier der Kontakt zum Chancenpaten-Team per E-Mail: chancen-paten@menschen-in-hanau.eu

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