Bei Menschen in Hanau teilen Mitglieder nicht nur ihre Erfahrungen, sondern öffnen auch Türen zu anderen Perspektiven. Unser Vereinsmitglied Tolga, schreibt hier regelmäßig über die türkische Kultur und für mehr Verständigung und Zusammenhalt im Miteinander. Auch diesmal nimmt er uns mit in seine persönliche Gedankenwelt – ehrlich, humorvoll und nahbar.
Erfahrt mehr darüber, was Sport mit türkischer Kultur zu tun hat und wie ein Vorleseprojekt für mehr Völkerverständigung sorgen kann:
Los gehts:
Reden wir über Fußball.
Galatasaray – mein Herzensverein seit Kindheitstagen – spielt in der Champions League gegen Eintracht Frankfurt. Das Ergebnis: 1:5 aus der Sicht von Galatasaray.
Ein schmerzhaftes Spiel. Ein Stich in mein fußballerisches Herz. 😅
In der anschließenden Pressekonferenz trat der türkische Trainer vor die Kameras – sichtlich angefasst. Seine Analyse?
Der Schiedsrichter war schuld.
Klar. Der Cadillac (wiederkehrende Grund) unter den Schuldzuweisungen – fährt immer, wenn man ihn braucht.
Ein paar Tage später: Europameisterschaft im Basketball.
Erste K.-o.-Runde. Die Türkei ist das einzige Team, das zu einer besonders frühen Uhrzeit antreten muss. Wer Basketball kennt, weiß: Spiele am Vormittag sind für Spieler oft eine Qual – die Beine sind schwer, der Kopf noch im Frühstücksmodus.
Trotzdem gewinnt das türkische Team gegen Schweden – eine starke Leistung. Aber was bleibt hängen?
Nicht das Spiel, sondern das Interview danach.
Der Trainer macht eine spitze Bemerkung über die Ansetzung und lässt dann den Satz fallen:
„Sie haben leider nicht erreicht, was sie damit bezwecken wollten …“
Wen meint er? Die Organisatoren natürlich. Die, die angeblich alles dafür getan haben, dass die Türkei möglichst früh ausscheidet.
Warum ich das erzähle?
Weil dieses Verhalten – dieses reflexhafte „Die Welt ist gegen uns“ – tief sitzt.
Nicht bei jedem, aber bei vielen Menschen mit türkischem Hintergrund.
Der Satz, der oft unausgesprochen mitschwingt:
„Türken haben keine Freunde außer Türken.“
(„Türkün Türk’ten başka dostu yoktur“)
Ein Gefühl, das nicht aus dem Nichts kommt. Politik, Diskriminierung, kulturelle Missverständnisse – es gibt viele Gründe, warum sich Menschen ausgeschlossen oder benachteiligt fühlen. Aber genau deshalb möchte ich den Blick auf etwas anderes lenken:
Ein echtes Positivbeispiel
In Duisburg hat die Stadtbibliothek ein Projekt ins Leben gerufen, das verbindet:
„Deutsch-türkischer Vorlesespaß“.
Dabei lesen Ehrenamtliche zweisprachig – auf Deutsch und Türkisch – Geschichten für Kinder vor.
Das Ziel:
📚 Kinder mit türkischem Hintergrund sollen beide Sprachen besser beherrschen.
👨👩👧 Eltern sollen den Wert des Vorlesens für den Schulerfolg erkennen.
🏛️ Die Bibliothek soll ein Ort für alle sein – nicht nur ein „deutscher Raum“, in dem sich manche fremd fühlen.
Auch in anderen Städten – z. B. Gütersloh – gibt es ähnliche Angebote, die wissenschaftlich als erfolgreich gelten. Warum?
Weil sie sprachlich fördern und gleichzeitig echte Begegnung schaffen.
Kinder lachen über dieselbe Geschichte – mal auf Deutsch, mal auf Türkisch.
Eltern kommen miteinander ins Gespräch.
Und aus „die“ und „wir“ wird ein Stück mehr „gemeinsam“.
Fazit:
Schuldzuweisungen bringen selten weiter – weder auf dem Platz, noch im Leben.
Aber wo Menschen sich ehrlich begegnen, entsteht Vertrauen.
Und das ist – im Sport wie im Alltag – oft der beste Spielzug. ⚽🤝📚
Ein Artikel von Tolga Nalbantoglu



